Hervorgehoben

Nackte Tatsachen

Was ist nur dieser „Naked Cake“ der wortwörtlich seit einiger Zeit in aller Munde ist? Es ist DER neue Kuchentrend und alle backen fleißig mit. Zunächst war ich etwas skeptisch — verbirgt sich hinter der Bezeichnung etwas Unanständiges? Hat das irgendetwas mit FKK zu tun? Andererseits hat Jamie Oliver, der sogenannte „Naked Chef“ auch (glücklicherweise oder leider??) nicht nackt gekocht, sondern wollte damit eine neue Art des Kochens mit einfachen Zutaten und einfacher Zubereitungsart propagieren. Ich musste diesem neuen Trend unbedingt auf den Grund gehen und daher beschloss ich, zusammen mit meiner Tochter, einen solchen nackten Kuchen zu backen.

Wir fanden heraus, dass es sich beim Naked Cake um einen Kuchen handelt, der keine Glasur bekommt, bei dem also der „nackte Tortenboden“ sichtbar ist. Der erste Gedanke zu diesem Trend mag sein, dass er eine logische Folge unserer modernen Zeit ist, in der alles schneller gehen muss und man nicht mal mehr Zeit für eine anständige Glasur hat.

Bei der Betrachtung des Rezepts (Mohn-Topfen-Kuchen aus dem Friends of Merkur Magazin – hier gehts zum Rezept: https://magazin.merkurmarkt.at/2017-04/gemeinsam-kochen/pure-schoenheit/) sticht jedoch gleich ins Auge, dass der Naked Cake nicht so einfach zuzubereiten ist, wie es der Name vermuten lässt. Die Liste der Zutaten ist recht lang und die Präsentation aufwändig. Dies ist nicht sehr verwunderlich, denn – wie wir alle – zumindest der weibliche Teil der Bevölkerung – wissen, ist es wesentlich komplizierter, sich nackt gut zu präsentieren als angezogen. Schon im Januar geht meist die Bikini-Figur Panik los, die munter von Frauenmagazinen angefacht wird. Analog dazu muss sich auch der Naked Cake ganz nackt ohne den schmeichelnden Schutz der Glasur auf den Präsentierteller begeben.

Wir haben uns vorsichtig an das Rezept herangetastet und nur einen Tortenboden anstelle der zwei gebacken, unser Kuchen ist also eine vereinfachte Version des Originalrezepts.

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Also wird bereits beim Teig viel Wert auf Ausgefallenes gelegt. In diesem Fall ist es Buttermilch, Mohn sowie Saft und Abrieb von Biozitronen.

Nicht nur der Kuchenboden ist beim Naked Cake besonders, auch die Füllung kann sich sehen lassen. Hier ist es eine Himbeer-Obers-Topfen Mischung, die besonders fruchtig und cremig schmeckt!

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Als besonderen Touch haben wir noch selbstgemachte Himbeermarmelade auf den durchgeschnittenen Tortenboden gestrichen, damit sich der Boden nicht mit der Füllung vollsaugt.

Nun haben wir die Himbeer Masse auf den Tortenboden gestrichen, beide Böden werden zusammengesetzt und – da wir noch genügend Masse übrig hatten – haben wir auch oben drauf noch etwas Himbeer Masse verteilt. Der Kuchen wird dann mit Schlagobers getoppt und mit frischen Himbeeren verziert.

Et voilà – unser erster Naked Cake kann sich sehen lassen. Er ist zwar keine makellose Schönheit aber dafür zum Anbeißen lecker!

Viel Spaß beim Nachbacken wünscht

Euer Vampirndl

Pension Hilde

„Wann sind wir endlich da? Ich habe Hunger“. Im Rückspiegel sah ich das unzufriedene Gesicht meines Sohnes. „Nicht mehr lange Jan, das Navi sagt, wir sind in 15 Minuten da. Schau doch mal aus dem Fenster und glotz nicht immer auf dein Handy. Die Gegend ist wunderschön und die Zeit vergeht dann auch schneller.“ Ich ignorierte das genervte Seufzen und sah, wie Jan wieder seine Kopfhörer in die Ohren steckte. Was war nur aus dem süßen kleinen Jungen geworden, der so neugierig in die Welt geblickt hatte? Die Pubertät ist der Weckruf aller Eltern.

Es war unser erster Urlaub zu zweit. Die kleine Katja, unser Nesthäkchen, und mein Mann Uwe verbrachten ihren Urlaub zu Hause, während Jan und ich nach der Überfahrt mit der Fähre auf Rügen gelandet waren. Es war schon früher Nachmittag. Auch mein Magen knurrte und ich hoffte, das Navi würde recht behalten.

Dennoch genoss ich die Fahrt auf der Küstenstraße. Links von uns nichts als weißer Sandstrand, der nahtlos in Meer überging, rechts von uns grüne Wälder. Ich atmete tief ein und genoss die Mischung aus Salz und dem würzigen Duft der Bäume. Schon seit Wochen hatte ich mich auf diesen Urlaub gefreut, hatte Reiseberichte im Internet gelesen, mich durch Bildergalerien geklickt. Die schönsten Fotos hatte ich ausgedruckt und an meine Pinnwand über dem Schreibtisch geheftet. Immer wieder hatte ich mir einen Moment Zeit genommen, die Bilder betrachtet und mir vorgestellt, ich säße in einem der Strandkörbe und würde, mit einem Glas Rotwein in der Hand, aufs Meer hinausschauen. Vor allem dann, wenn mein Chef einen weiteren Akt auf meinen Tisch knallte und sofortige Bearbeitung von mir verlangte.

Und jetzt waren wir tatsächlich auf der Insel angekommen, in den nächsten Minuten würden wir die Pension Hilde erreichen, unser Zuhause für zwei Tage.

„Bist du sicher, dass du das willst?“ hatte mich meine beste Freundin Gabi gefragt, als ich ihr die Annonce zeigte, mit der die Pension beworben wurde. „Die ist aber ziemlich weit ab vom Schuss. Keine Restaurants, kein Shopping und keine anderen Jugendlichen. Für dich allein, okay, aber mit Jan?“ „Genau das will ich. Ich möchte ja Urlaub mit Jan, mal wieder richtig Zeit mit ihm verbringen, mit ihm reden und mich nur auf ihn konzentrieren. Im letzten Jahr ist er irgendwie zu kurz gekommen wegen Katja, wegen meinem Stress im Büro. Ich glaube, er braucht mich jetzt“, sagte ich zu Gabi. Sie sah nicht überzeugt aus. „Wenn du meinst. Aber wundere dich nicht, wenn ihr nach zwei Tagen ausgequatscht habt und dann feststellt, wie furchtbar ihr euch auf die Nerven geht. Dann gibt es womöglich Tote.“

Ich hätte es zwar nicht offen zugegeben, aber Gabis Zweifel nagten auch an mir. Darum hatte ich unser Zimmer in der kleinen Pension nur für zwei Tage gebucht. Danach konnten wir weiterziehen und die Insel erkunden. Übernachtungsmöglichkeiten gab es reichlich. Im schlimmsten Fall konnten wir auch in eines der schickeren Hotels einchecken. Ich hatte mir zur Sicherheit schon ein paar Adressen im Internet herausgesucht.

„Nach zweihundert Metern liegt ihr Ziel auf der rechten Seite“ verkündete die Computerstimme. Tatsächlich – auf einer Lichtung vor uns entdeckte ich ein kleines Häuschen. Ich öffnete den Mund, um dies mit Jan zu teilen, da motzte er von der Rückbank „Mann, Scheiße, jetzt hab ich kein Netz mehr.“ „Das kann ja heiter werden“, dachte ich und bog rechts in die Einfahrt zur Pension Hilde.

Ich folgte dem Pfeil mit der Aufschrift ‚Parkplatz nur für Gäste‘ auf einer schmalen Kiesstraße hinter das Haus und stellte das Auto auf einem der Plätze ab. Ich war froh, endlich angekommen zu sein, schaltete die Zündung aus und zog die Handbremse an. Mit den Worten „die Ferien mögen beginnen“ öffnete ich die Autotür. Meine Knochen knackten beim Aussteigen und ich streckte meine steifen Glieder. Ich hörte, wie mein Sohn ausstieg und die Autotür zuknallte. Er hielt immer noch sein Handy in der Hand und fragte: „Meinst du, die haben hier WLan?“ Ich betrachtete das Haus. „Sorry Sohnemann, das bezweifle ich. Ich befürchte, du musst zur Unterhaltung ein Buch lesen. Oder mit echten Menschen sprechen.“ Ich fasste mir theatralisch an den Kopf. Jan verdrehte die Augen, nahm mir den Autoschlüssel aus der Hand und öffnete den Kofferraum. „Nimm nur die Reisetasche mit. Wir bleiben ja nur zwei Tage. Der Rest kann erstmal drinbleiben.“ Ich sah mich um. Die Rückseite des Hauses besaß keine Türen, ein paar Fenster mit verschnörkelten gusseisernen Gittern blickten auf den Innenhof. Eine Bank lud zum Sitzen ein und zahlreiche Töpfe mit Blumen standen an der Hausmauer und peppten die ansonsten schmucklose und wenig einladende Fassade auf. Gegenüber stand eine Scheune, daneben akkurat angelegte Beete mit allerhand Gemüsepflanzen. Jan kam mit der Tasche auf mich zu. Ich legte den Arm um seine Schultern und ging mit ihm um das Haus herum, um den Eingang zu finden. „Jetzt gehen wir auf unser Zimmer und dann können wir gleich ans Meer, okay?“ schlug ich vor. Jan nickte und fragte „Können wir auch Frisbee spielen?“ „Aber sicher“ sagte ich. Er strahlte und ich drückte ihn an mich.

Von vorne sah das Häuschen richtig gemütlich aus. Der abweisende Eindruck der Rückseite war schnell vergessen. Vor dem kleinen Backsteinhaus gab es eine Veranda aus weißgestrichenem Holz, die das überhängende Reetdach vor Regen schützte. In einer Ecke stand ein Schaukelstuhl. Auf dem bunten Sitzkissen hatte sich eine schwarze Katze eingerollt. Als wir näherkamen, öffnete sie ein grünes Auge, sah uns an und schloss es dann gelangweilt wieder.

Ein buntes Schild über der Eingangstür mit dem Schriftzug ‚Herzlich Willkommen bei Hilde‘ zeigte uns, dass das Navi tatsächlich richtiggelegen hatte. Die Bretter knarzten, als ich die drei Stufen zur Haustür hinaufstieg. Bei näherer Betrachtung entdeckte ich den etwas kleineren Schriftzug auf dem Schild ‚Treten Sie frei und freiwillig herein‘. „Schräger Humor“, dachte ich und suchte die Türklingel. Es gab jedoch keine elektrische Klingel, sondern nur einen altmodischen Türklopfer. Es war eine Hand, die offenbar aus Elfenbein geschnitzt war. Ich zögerte aber Jan hatte keine Berührungsängste und klopfte dreimal.

Eine Stimme aus dem Hausinneren flötete „Ich komme schon“ und ein paar Sekunden später öffnete sich eine Luke in der Tür. Zwei freundliche blaue Augen blickten uns an. „Ah, Sie sind sicher die Schneiders.“ Das Fensterchen wurde zugeschoben und die Türe öffnete sich. Vor uns stand eine kleine alte Frau in bunter Kittelschürze. Ich ergriff vorsichtig ihre ausgestreckte Hand und sog, überrascht von ihrem kräftigen Händedruck, die Luft ein. Nun schüttelte auch Jan ihre Hand zur Begrüßung. Gerne folgten wir ihrer Aufforderung und betraten das Haus. Ich schloss als letzte die Tür und ging hinter der Frau und Jan her.

Sie führte uns den Gang entlang an der Küche vorbei und nach links in ein helles, geräumiges Zimmer, das sich auf die Veranda öffnete und den Blick auf das Meer hinter dem Sandstrand freigab. Ich war erstaunt. Ich hatte ein muffiges Wohnzimmer mit Blümchentapete, milbenverseuchten Polstermöbeln und Essecke in ‚Eiche rustikal‘ erwartet. Stattdessen dominierten die Farben weiß und blau und die Dekoration entsprach der eines modernen Hotels.

„Bitte nehmen Sie Platz.“ Die alte Frau wies auf das Sofa. Wir setzten uns. Auf einem Tablett stand ein Krug mit Gläsern und ein Teller mit Sandwiches. „Ich bin übrigens Hilde. Das ist meine kleine Pension.“ Ich lächelte sie an. „Wir freuen uns, dass wir endlich angekommen sind. Sie haben es wirklich sehr schön hier.“ „Danke meine Liebe, das ist ganz reizend von Ihnen. Aber Sie haben sicher Durst. Darf ich Ihnen einen selbstgemachten Eistee anbieten?“ Jan nickte und lächelte Hilde an. „Ja gerne“ sagte er und hielt der Alten eines der Gläser hin. „Bitte greifen Sie zu. Ich habe ein paar Brote gerichtet falls Sie Hunger haben.“

Als wir uns erfrischt und satt gegessen hatten, klopfte sich Hilde auf die Schenkel und stand auf. „Jetzt zeig ich Ihnen ihr Zimmer.“ Wir folgten ihr zu einer Treppe und stiegen die Stufen in den ersten Stock hinauf. Jan musste sich seitlich drehen, um die Reisetasche über die Stufen bugsieren zu können. Ich staunte, wie fit die alte Dame war. Sie war kein bisschen außer Atem, als sie uns am oberen Treppenabsatz lächelnd erwartete.

Sie ging voraus zu einer der Türen am Ende des Ganges und öffnete sie. Ich schlüpfte hinter ihr in das Zimmer. Es war hell und freundlich eingerichtet, das einzige Fenster zeigte den Blick aufs Meer. „Autsch“, hörte ich Jan hinter mir und drehte mich um. Er rieb sich mit seiner freien Hand den Kopf. „Alles okay?“ fragte ich. „Ja, ganz schön hart“ sagte er und sah sich den Türrahmen an. „Ist der aus Eisen?“ fragte er Hilde. Die zuckte mit den Schultern. „Das hat man früher so gemacht. Dafür ist das Haus stabil und hält jedem Sturm hier auf der Insel Stand.“

„Darum sind wohl auch die Fenster hier oben vergittert, oder?“ fragte ich. „Genau.“ Hilde strahlte mich aus ihren blauen Augen an. „Man weiß nie, was in einem Sturm so alles herumgewirbelt wird.“

„Ich hoffe, Sie fühlen sich hier wohl. Das Badezimmer ist dort, wenn Sie sich frischmachen wollen.“ Sie zeigte auf die Tür im hinteren Teil des Zimmers. „Um sieben gibt’s Abendessen.“

„Haben Sie hier eigentlich WLan?“ fragte Jan. Hilde sah ihn verständnislos an. Jan hob sein Handy. „Internet?“ Hilde lachte. „Nee min Jung. Das haben wir hier nicht. Aber drüben im Strandhotel kannst du mal fragen. Ist nur 30 Minuten zu Fuß den Strand entlang.“ Sie schob sich an Jan vorbei aus der Tür und schloss sie hinter sich.

Jan ließ die Tasche fallen und warf sich auf eines der Betten. „Hier schlaf ich!“

„Alles klar. Ich geh mal ins Bad. Danach können wir gleich ans Meer.“

Wir verbrachten einen wunderbaren Nachmittag am Meer. Es war so, wie ich es mir erhofft hatte. Jan schien ebenfalls die Zeit allein mit mir zu genießen. Wir spielten Frisbee, plantschten im Wasser und ließen uns von der Sonne trocknen. Kein einziges Mal griff Jan zu seinem Handy oder ärgerte sich darüber, keinen Internetzugriff zu haben.

Am späten Nachmittag gingen wir zurück zu unserer Pension, duschten den Sand und das Salz von unserer Haut und richteten uns in unserem Zimmer ein.

Pünktlich um sieben setzten wir uns an den Esstisch, der bereits für zwei Personen gedeckt war.

Der Tag am Meer hatte uns richtig hungrig gemacht. Darum sagten wir nicht nein, als Hilde uns einen Nachschlag von der Fischsuppe anbot. Zum Nachtisch gab es ein großes Stück Kuchen.

„Morgen Abend mache ich Ihnen Labskaus, die Spezialität des Hauses nach einem Rezept meiner Mutter. Das Fleisch ist aus eigener Schlachtung.“ Ich zog die Augenbrauen hoch. „Sie schlachten selbst? Aber sie halten keine Tiere hier?“ Hilde lächelte mich an. „Das stimmt, aber es gibt hier reichlich Auswahl auf der Insel. Erst gestern habe ich wieder frisch geschlachtet. Das Fleisch muss ich heute noch zum Einfrieren portionieren. Ich möchte immer genau wissen, woher mein Fleisch kommt.“ Ich nickte. „Das kann ich verstehen bei all den Skandalen in letzter Zeit.“ „Hier war das schon immer so. Meine Mutter hat es mir so beigebracht und, obwohl sie uns schon vor 20 Jahren verlassen hat, führe ich die Tradition fort.“ „Traditionen sind etwas ganz Besonderes“, stimmte ich ihr zu. „Gerade in unserer schnelllebigen Zeit geben sie uns Halt.“ Hilde strich mir über den Arm. Das Blau ihrer Augen leuchtete intensiv. „Ja meine Liebe. Das stimmt wohl. Mir waren diese Dinge immer schon besonders wichtig.“

Nach dem Abendessen machten Jan und ich einen Verdauungsspaziergang am Strand. Auf dem Rückweg zur Pension sahen wir, dass in der Scheune Licht brannte. Wir hörten das Sausen einer Axt begleitet von angestrengtem Schnaufen. „Da ist Hilde wohl gerade beim Zerlegen“, sagte ich. Jan verzog das Gesicht. „Also ich esse sicher nichts von dem Fleisch morgen.“ „Ein bisschen wird dich schon nicht umbringen. Die Tiere werden es dir verzeihen, wenn du einmal eine Ausnahme machst.“ Jan blieb stehen. „Mama, fang nicht schon wieder damit an.“ Ich wollte keinen Streit anzetteln, daher nahm ich ihn in den Arm und drückte ihn kurz. Hilde hatte wohl unsere Schritte auf dem Kies gehört, denn sie blickte ums Eck der Scheune. Ihre Haare klebten schweißnass auf der Stirn. Sie trug eine Plastikschürze, die über und über mit Blut beschmiert war. Ich ließ mir meinen Ekel nicht anmerken und winkte ihr zu. „Gute Nacht Hilde“ wünschte ich ihr so fröhlich ich konnte. Sie winkte zurück. Dabei sah ich, dass sie in der rechten Hand tatsächlich eine Axt hielt, die feucht glänzte. Mich fröstelte und ich spürte die Gänsehaut auf meinen Armen. Schnell zog ich Jan mit ins Haus. Wir gingen in unser Zimmer und machten uns bettfertig. Da wir beide sehr müde waren, sprachen wir nicht mehr viel miteinander. Wir wünschten uns gute Nacht und löschten das Licht. Die Geräusche aus der Scheune drangen bis in unser Zimmer. Dann sank ich in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen weckte uns strahlendes Sonnenlicht. Als ich auf die Uhr sah, erkannte ich, dass wir fast zwölf Stunden geschlafen hatten, denn es war schon zehn Uhr. Ich weckte Jan, der immer noch schlief. Wir erledigten unsere Morgentoilette und zogen uns an. Ich wusste nicht, ob wir aufgrund der späten Uhrzeit noch auf ein Frühstück hoffen könnten. Als wir das Esszimmer betraten, fanden wir einen gedeckten Tisch vor. Hilde hatte Essen und eine Thermoskanne mit Kaffee bereitgestellt. Ein Zettel mit schwungvoller Handschrift beschrieben wünschte uns „Guten Morgen! Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen und genießen Ihr Frühstück. Ich muss einiges erledigen und werde nachmittags wieder zurückkehren. Gerne erwarte ich Sie zum Abendessen um sieben Uhr. Liebe Grüße, Hilde.“

Ich war erleichtert, Hilde fürs erste nicht persönlich anzutreffen. Das Bild der Frau in ihrer blutverschmierten Schürze mit der Axt in der Hand war mir noch zu präsent. Wir aßen in Ruhe und verbrachten anschließend den Rest des Vormittags am Strand.

Als die Sonne ihren Zenit schon überschritten hatte, schlug Jan vor, das von Hilde erwähnte Strandhotel zu suchen. Ich war einverstanden. Mein Magen knurrte und dort konnten wir bestimmt eine kulinarische Pause einlegen.

Wir gingen barfuß im flachen Wasser den Strand entlang. Nach etwa zwanzig Minuten kam ein großes weißes Gebäude in Sicht. Die Sonnenschirme bildeten einen leuchtenden Farbklecks auf der Terrasse. Jan zeigte mit dem Finger in die Richtung. „Guck mal Mama, das muss es sein.“ Wir beschleunigten unsere Schritte und waren schon nach wenigen Minuten an der Steintreppe angelangt, die vom Strand auf die Terrasse des Hotels führte. Wir klopften den Sand von unseren Füßen und schlüpften in unsere Sandalen. Dann gingen wir die Treppe hinauf.

Die Tische auf der Terrasse waren fast voll besetzt mit Gästen des Hotelrestaurants, die ein spätes Mittagessen genossen oder sich Kaffee und Kuchen schmecken ließen. Jan suchte einen freien Tisch für zwei Personen und wurde fündig. Mit einem Seufzer setzte ich mich in einen der Korbsessel und ließ meinen Blick über die Brüstung und das dahinterliegende Meer schweifen. „Ist das nicht wunderbar?“ fragte ich Jan. Zurück kam ein zustimmendes Murmeln. „Cool, endlich wieder Empfang“, sagte Jan und wischte auf seinem Smartphone herum. Ich beschloss, Jan zu ignorieren und widmete mich der Speisekarte. Kurz darauf kam der Kellner und nahm unsere Bestellung auf.

Wenig später wurde das Essen serviert. Ich hatte einen gemischten Salat bestellt und Jan eine extragroße vegetarische Pizza. „Ob du diese Riesenportion wohl aufessen kannst?“ Wachstum hin oder her, ich hatte meine Zweifel. Jan zuckte mit den Schultern. „Ich muss schließlich auf Vorrat essen. Heute Abend gibt’s ja nur totes Tier.“

Da hatte er recht. Nach der gestrigen Begegnung war ich selbst nicht mehr sicher, ob ich das Labskaus würde genießen können. „Nur ein Abendessen“ machte ich mir selbst Mut. „Schon morgen ziehen wir weiter. Wer weiß, vielleicht haben die sogar hier ein Zimmer für uns. Ein oder zwei Nächte werde ich mir schon leisten können.“

Nachdem ich bezahlt hatte, ließ ich Jan auf der Terrasse sitzen. Er war ohnehin noch mit seinem Handy beschäftigt. Ich ging zur Rezeption und erkundigte mich nach freien Zimmern. Der Rezeptionist, ein älterer Herr mit Schnauzbart, gab Auskunft. „Kein Problem, ein Doppelzimmer geht immer.“ Er schmunzelte über seinen Reim. „Wo wohnen Sie denn jetzt?“ fragte er. Ich deutete nach links. „Immer den Strand runter in einer kleinen Pension. ‚Pension Hilde‘?“ Ich sah ihn fragend an. Der Mann nickte. „Ach bei der Hilde. Das ist ja ein Zufall. Dort wohnt auch die Familie Hirsch, Vater und Sohn. Die wollten heute bei uns einchecken, sind aber nicht gekommen. Es gefällt ihnen wohl zu gut bei der Hilde.“ Er lachte. „Wir müssen ein Auge auf die Dame haben. Die macht uns noch unser Geschäft kaputt.“ Er zwinkerte mir zu. „Sie müssen sich irren.“ Ich war verwirrt. „Mein Sohn und ich sind die einzigen Gäste dort.“ Der Mann zuckte mit den Schultern. „Ist ja auch egal. Vielleicht haben sie es ich anders überlegt und sind weitergefahren. Seltsam ist nur, dass wir niemanden erreicht haben unter der Handynummer. Aber hier ist ja nicht der beste Empfang.“ Jetzt musste ich lachen. „Das stimmt allerdings. Ich bin ganz froh, sonst würde mein Sohn sich den ganzen Tag nur mit dem Elektroniktrottel unterhalten. Wenn es in Ordnung ist, kommen wir morgen spontan vorbei und nehmen ein Zimmer falls eines frei ist.“ „Sehr gerne junge Dame“ antwortete der Rezeptionist. Er deutete eine Verbeugung an und eilte dann zu einem der Telefone, das zu klingeln begonnen hatte.

Ich ging wieder zurück zu Jan auf die Hotelterrasse und fand ihn im Gespräch mit ein paar Mädchen, die in seinem Alter zu sein schienen.

„Hey Mam“, sagte er und strich sich lässig durch sein Haar. „Heute Abend steigt hier eine Strandparty. Um 10 geht’s los. Ich hab mich mit den Mädels verabredet.“

Ich lächelte. „Lass uns später darüber reden. Ich geh wieder an den Strand, kommst du auch?“ „Darf ich noch ein bisschen hierbleiben? Ich komme später nach, okay?“ „In Ordnung Jan. Ich suche mir ein schönes Plätzchen. Du wirst mich schon finden.“ Ich winkte Jan und seinen Fans zu und stieg die Stufen zum Strand hinab. „So schnell vergeht die Zeit“, dachte ich bei mir. „Mein kleiner Junge ist schon fast ein Mann.“

Die wehmütigen Gedanken waren jedoch schnell vergessen. Ich ließ mich im Schatten einer Düne nieder, holte mein Buch aus der Tasche und genoss ein wenig Zeit für mich.

Ein Schatten fiel auf die Seiten. Ich blickte auf und sah in Jans Gesicht. Er strahlte und erzählte mir aufgeregt von seinen neuen Bekanntschaften. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es schon nach sechs war. Wenn wir pünktlich zum Essen sein wollten, mussten wir uns beeilen.

„Jan, es ist mir nicht recht, dass du alleine zu dieser Party gehst. Wenn wir im Hotel ein Zimmer hätten, dann wäre das etwas Anderes. Aber so, der Weg hin und zurück ist mir einfach zu unsicher.“ Mein Sohn überraschte mich. „Okay Mama. Ich habe mir schon gedacht, dass du nein sagst. Aber kann ich morgen Nachmittag wieder dort an den Strand gehen und die Mädels treffen? Wir haben unsere Nummern ausgetauscht. Sie wohnen noch die ganze restliche Woche dort.“ „Gerne Jan. Danke, dass du mich verstehst. Morgen müssen wir uns sowieso um eine neue Bleibe kümmern. Wir können versuchen, auch ein Zimmer im Strandhotel zu bekommen, dann kannst du die Mädels ohne Probleme treffen.“ Jan strahlte mich an. Wie meine Freundin es vorausgesagt hatte, würde der Urlaub in trauter Mutter-Sohn Zweisamkeit frühzeitig enden. „Klasse Mama, danke!“ Er drückte mir einen Schmatz auf die Wange und machte einen kleinen Freudentanz im Sand.

Schon überquerten wir die Landstraße, die zwischen dem Strand und unserer Pension lag. Die Scheune, in der Hilde gestern gewerkelt hatte, lag nun verlassen da. Im Abendlicht sah ich einen dunklen Fleck am Rande eines der Gemüsebeete. Ich ging näher und sah, dass es ein Smartphone war, das dort in der Erde lag. Die untergehende Sonne musste sich im Display gespiegelt haben. Ich bückte mich und wischte das Gerät an meiner Jeans ab. Ich drückte auf den Aktivierungsknopf und stellte fest, dass das Telefon nicht durch einen PIN gesichert war. Das Hintergrundbild zeigte einen Mann, der seinen Arm um einen Jungen gelegt hatte. Es war ein Schnappschuss, der offensichtlich bei einem Fußball Match gemacht wurde, denn beide trugen ein Mannschaftstrikot und jubelten.

Ein ungutes Gefühl beschlich mich. Ich drückte auf das Display und suchte die Anrufliste. Dort schien als oberste die zuletzt gewählte Nummer auf. Ich erkannte sie sofort. Es war die Nummer der Pension Hilde.

Ich spürte, wie meine Nackenhaare sich aufstellten und ein eiskalter Schauer meinen Rücken hinunterlief. Ich fühlte mich beobachtet. Eine Hand legte sich von hinten auf meine Schulter. Ich unterdrückte einen Schrei.

„Alles okay Mama? Was hast du da?” Es war Jan. Natürlich war es Jan. Wer sollte es sonst sein? „Ach nichts, ich habe gedacht, ich hätte etwas gesehen, aber ich habe mich geirrt.“ Ich drehte mich um und lächelte. Dabei ließ ich das Handy in die rückwärtige Tasche meiner Jeans gleiten. Ich wollte Jan nicht auch noch beunruhigen. „Nur diese Nacht“, sagte ich mir. „Morgen reisen wir ab. Dann kann ich im Strandhotel klären, ob der Rezeptionist den Mann auf dem Bild wiedererkennt.“

„Lass uns schnell reingehen. Es ist schon fast sieben und ich habe einen Bärenhunger.“ Ich hakte Jan unter und wir gingen ins Haus.

Drinnen duftete es nach Fleisch und Kartoffeln. Aus der Küche drang das Klappern von Töpfen und Geschirr. „Nehmen Sie ruhig schon Platz, das Essen ist in 5 Minuten bereit!“ rief Hilde. Ich ging rasch die Treppe hinauf in unser Zimmer und stellte meine Tasche ab. Das Handy zog ich aus meiner Hosentasche und versteckte es darin in einer der Reißverschluss Taschen.

Dann ging ich hinunter und setzte mich zu Jan, der bereits artig Platz genommen hatte.

Wenig später kam Hilde mit zwei dampfenden Tellern ins Esszimmer und stellte sie auf den Tisch. Man konnte ihr ansehen, dass sie stolz auf ihre Kochkünste war. „Das sieht sensationell aus Hilde. Sie haben sich selbst übertroffen!“ „Vielen Dank!“ Hilde strahlte mich an, ganz die nette alte Dame. Von der blutüberströmten Figur von gestern Nacht war keine Spur. „Ich hoffe, es schmeckt Ihnen!“ Sie tätschelte Jans Kopf, der ihr Lächeln erwiderte.

Als wir wieder alleine waren, sah er angewidert auf seinen Teller. „Ich kann das echt nicht essen Mama.“ „Ich esse das Fleisch, du isst einfach die Kartoffeln und den Hering“ flüsterte ich. „Danke Mama, du bist die Beste.“ „Ich weiß, mein Lieber, ich weiß.“ Schnell aß ich meine Fleischportion auf und Jan schob mir seine auf den Teller. Ich musste große Willenskraft aufbringen, um die doppelte Portion Fleisch samt Kartoffeln und Hering zu verdrücken. Endlich war es geschafft. Ich lehnte mich zurück und wischte mir die Schweißperlen von der Stirn.

„Schon fertig?“ fragte Hilde. „Möchten Sie einen Nachschlag?“ Jan schüttelte den Kopf. „Nein danke, ich bin satt. Es war wirklich köstlich.“ Er schenkte Hilde sein reizendstes Lächeln. Dann fragte der kleine Mistkerl unschuldig: „Oder hast du noch Hunger, Mama?“ „Nein, danke. Ich habe nicht einmal Platz für Nachtisch, und das will etwas heißen bei mir.“

„Hauptsache, alle sind satt geworden!“ Hilde räumte die leeren Teller ab. „Ich wünsche Ihnen eine erholsame Nachtruhe. Die Abreisezeiten halte ich flexibel. Wann immer Sie aufstehen und frühstücken möchten, ist für mich in Ordnung.“

„Vielen Dank Hilde. Wir genießen die Ruhe bei Ihnen sehr. Und nach dieser wunderbaren Mahlzeit werden wir bestimmt schlafen wie die Babys.“ Hilde sah mich an und ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen. „Da bin ich mir sicher meine Liebe.“

Jan und ich gingen zu Bett. Die zweite Portion Fleisch lag mir unangenehm schwer im Magen und machte mich müde und schwindelig. Ich hatte einfach zu viel gegessen. Ich beschloss, morgen einen Fasttag einzulegen, das würde mir bestimmt guttun. „Gute Nacht Schatz, schlaf gut und träum was Schönes“, wünschte ich meinem Sohn. „Gute Nacht Mama.“ Jans Stimme drang aus der Ferne an mein Ohr. Dann hörte ich nichts mehr.

Ich schreckte auf. Im Zimmer war es dunkel, nur das Mondlicht, das durch die vergitterten Fenster fiel, erhellte einige Flecken im Zimmer. Ich sah zu Jans Bett hinüber. Es war leer. „Jan“ flüsterte ich. „Bist du im Bad?“ Keine Antwort. Unter der Badezimmertür war kein Lichtschein zu sehen. Ich versuchte aufzustehen. Mir war immer noch schwindelig und ich musste mich am Bett und an der Wand abstützen, als ich mich zum Badezimmer tastete. Ich öffnete die Tür. Das Badezimmer war dunkel. Mein Sohn war nicht da.

„Dieser Satansbraten hat sich tatsächlich zu dieser Party geschlichen. Traue niemals einem Teenager. Na warte“, dachte ich. Der kann was erleben. Ich würde mich anziehen und ihn dann persönlich von der Party in die Pension schleifen. Während ich in meine Jeans schlüpfte und mir einen Pulli überzog, ging ich in Gedanken die Unterhaltung durch, die ich mit meinem Sohn führen würde. Ich schlüpfte in meine Sandalen, schnappte meine Tasche und öffnete die Zimmertür. Im Flur war alles dunkel und still. Als ich aus dem Zimmer stürmen wollte, prallte ich zurück. Ich unterdrückte einen Schmerzensschrei. Ich fühlte einen pochenden Schmerz an meiner Stirn. Ich tastete sie mit meinen Fingern ab, fühlte etwas Nasses und sog die Luft ein, als ich die Beule spürte, die immer größer wurde. Ich sah auf die Türöffnung und traute meinen Augen nicht. Ein massives Metallgitter versperrte den Weg nach draußen.

Leise schloss ich die Tür wieder und sank auf Jans Bett. Ich hatte das Gitter zwar gesehen und sogar am eigenen Leib gespürt, dennoch konnte mein Gehirn die Realität nicht erfassen. Mit dem Handrücken wischte ich das Blut von meiner Stirn und dachte nach. Das Zimmer war mein Gefängnis. Das einzige Fenster war vergittert und nun war mir auch der Weg nach draußen durch die Tür verwehrt. Das Badezimmer war fensterlos.

Doch wo war Jan? Hatte er sich erfolgreich aus dem Haus geschlichen, um doch auf die Party zu gehen? War er gegangen bevor das Metallgitter heruntergelassen worden war oder hatte Hilde ihn abgepasst und verarbeitete ihn zu Labskaus? Bei diesem Gedanken musste ich meinen Ekel hinunterwürgen. Wer weiß, was oder wen ihnen Hilde am Abend serviert hatte? War es der nette lächelnde Vater vom Handy gewesen? Oder sein Sohn? Ich zwang mich, ruhig zu atmen. Ich wühlte in meiner Handtasche nach meinem Handy. Mist, kein Empfang. Ich verfluchte meine Idee, in dieser Pension weitab vom Schuss abzusteigen. Warum waren sie verdammt noch mal nicht im Strandhotel abgestiegen? Ich ging zum Fenster und spähte durch die Gitterstäbe. Auf der Straße war kein Verkehr. Doch, da hinten am Strand bewegte sich eine Gestalt auf die Pension zu. Ich spürte, wie Adrenalin durch meine Adern pumpte. Ich konzentrierte mich auf die Person, die immer näherkam.

Als sie ins Licht der Straßenbeleuchtung trat sah ich, dass es Jan war. Erleichtert umklammerte ich meine Ellbogen. Er war tatsächlich rechtzeitig aus der Pension geschlichen. Doch nun wollte er wieder ins Zimmer zurück. Das durfte er nicht.

Ich öffnete das Fenster. Die Holzrahmen knarzten. Ich pausierte in der Bewegung und hoffte, dass Hilde es nicht bemerken würde. Dann schob ich langsam die Fensterflügel weiter auf. Ich formte mit den Händen einen Trichter um den Mund und flüsterte Jans Namen.

Jan hielt inne und blickte zum Fenster hinauf. Ich presste meinen Zeigefinger an die Lippen, um ihm zu zeigen, dass er nicht sprechen sollte.

Ich versuchte ihm meine Lage verständlich zu machen. Doch wie sollte ich sie erklären? Die Situation war zu absurd. Ich flüsterte Hildes Namen, machte eine Handbewegung, die Jan zeigen sollte, dass sie nicht bei Sinnen war und zog meinen Zeigefinger von links nach rechts über meine Kehle. Dann deutete ich auf meine Brust.

Endlich nickte Jan. Er schlich nach rechts über den Hof und aus meinem Blickfeld. Ich vermutete, dass er zur Scheune wollte. Draußen hörte man nur das Rauschen des Meeres. Die Minuten verstrichen still.

Dann hörte ich, wie jemand versuchte, die Holztreppen zur Haustür möglichst geräuschlos zu überwinden. Die Haustür wurde geöffnet und nicht wieder geschlossen.

Ich sah mich im Zimmer um. Ich stieg auf mein Bett und zog, so leise ich konnte, die Vorhangstange aus ihrer Verankerung. Ich streifte die mit Ösen befestigten Vorhänge ab. Mit einem leisen Rascheln landeten sie auf dem Boden.

Mit der Stange bewaffnet schlich ich zur Tür. Ich öffnete sie einen Spalt und sah hinaus. Der Gang und die dahinterliegende Treppe lagen dunkel vor mir. Ich konnte nur schemenhaft das Treppengeländer erkennen. Irgendwo im unteren Stockwerk musste Licht brennen.

Plötzlich hörte ich einen Schrei. Es war Hilde. „Was machst du denn da? Warum bist du nicht in deinem Zimmer? Ich habe doch abgeschlossen?“ kreischte sie. „Lassen Sie sofort meine Mutter frei, sonst bringe ich sie um.“ Ich konnte das Zittern in Jans Stimme hören, Angst und Wut zugleich. „Willst du mir etwa drohen? Das ist aber sehr unhöflich von dir.“ Hildes Stimme klang freundlich, ich sah ihr rosiges Gesicht mit den leuchtend blauen Augen vor mir.

Dann erklang ein wütender Schrei. Das Geräusch hallte so unmenschlich kreischend durch das Haus, dass meine Hände sich in die Vorhangstange krallten.

Unten fand ein Kampf statt, ein Kampf auf Leben und Tod. Ich konnte das Geschrei der Stimmen nicht unterscheiden, ich konnte nicht heraushören, wer Gewinner und wer Verlierer dieses Kampfes sein würde. Ich schickte ein Stoßgebet nach dem anderen gen Himmel. Das Geschrei schwoll an bis es brüchig wurde und in einem gurgelnden Röcheln erstickte. Der Kampf war zu Ende.

Ein Klirren war zu hören. Dann näherten sich Schritte der Treppe. Zuerst ein Auftreten, dann ein Schleifen. Ein Tritt, ein Schleifen. Die Schritte hatten die Stufen erreicht. Quälend langsam kamen sie näher. Wieviel Stufen waren es gewesen? Zehn, elf? Ich konnte mich nicht mehr erinnern.

Ich sah, wie eine Gestalt den oberen Treppenabsatz erreichte und sich in meine Richtung drehte. Sie kam näher. In der Dunkelheit konnte ich erkennen, dass sie gekrümmt ging, in einer Hand hielt sie einen länglichen Gegenstand, in der anderen klirrte etwas.

Der Schlüsselring, das musste es sein. Ich umklammerte meine improvisierte Waffe fester. Wenn es Hilde war, die nun auch mich holen wollte, würde ich nicht kampflos aufgeben. Sie war angeschlagen und würde nicht erwarten, dass ich mich wehrte. Das musste ich zu meinem Vorteil nutzen. Ich zog mich hinter die Zimmertür zurück und machte mich bereit zum Angriff.

Nun hatten die Schritte die Tür erreicht. Ich hörte schweren Atem. Ein Schlüssel wurde in das Schloss des Metallgitters gesteckt und gedreht. Das Gitter öffnete sich quietschend. Dann schwang die Zimmertür nach innen. Ich hob die Stange über den Kopf, bereit, den tödlichen Schlag auszuführen.

Dann hörte ich ein Flüstern. „Mama, ist alles in Ordnung?“ Ich ließ die Stange fallen und kam hinter der Tür hervor. Da stand Jan. In der rechten Hand hielt er eine Axt. Er ließ sie auf den Boden fallen und wir umarmten uns.

Der Schrecken und die Anspannung holten mich ein. Ich brach in Tränen aus. Jan hielt mich fest, bis ich mich wieder beruhigt hatte.

„Ist sie tot?“ fragte ich. „Ja Mama, ich musste es tun. Sie hat mich mit einem Messer angegriffen. Ich wollte ihr eigentlich nur drohen, doch sie wollte wie eine Irre auf mich einstechen.“ „Hat sie dich erwischt?“ Besorgt sah ich Jan genauer an. Sein T-Shirt war blutgetränkt.

„Das ist nicht mein Blut. Sie hat mich nur leicht an der Schulter erwischt. Komm Mama, lass uns abhauen und die Polizei rufen.“

Ich nahm meine Handtasche und folgte Jan die Treppe hinunter. Auf Höhe der Küchentür sah ich eine Gestalt liegen. Das Licht aus der Küche beleuchtete ein faltiges Gesicht mit leuchtend blauen Augen, die nun starr zur Decke gerichtet waren. „Schau nicht hin Mama, es ist vorbei“, sagte Jan und schob mich aus dem Haus.

Wir gingen wieder den Strand entlang bis unsere Handys endlich ein Signal empfingen. Dann riefen wir die Polizei.

Bei der Durchsuchung der Scheune entdeckten die Beamten eine Tiefkühltruhe voll mit portioniertem Fleisch. Die Packungen waren säuberlich mit Namen und Daten gekennzeichnet. Die obersten Gefrierbeutel in der Truhe waren mit „Martin und Thomas Hirsch“ beschriftet. Sie trugen das gestrige Datum.

 

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